Nürtinger Zeitung 23.4.2010
Die Schöpfungsgeschichte Australiens
Nürtinger Märchentage: Mythen und Musik und von der anderen Seite der Welt
Am Mittwochabend
entführte der Musiker und Erzähler Martin Schmauder das Publikum im Nürtinger
Theater im Schlosskeller in die Märchenwelt der australischen Ureinwohner.

VON HEINZ BÖHLER

NÜRTINGEN. Die Sonne
eine Frau, der Mond ein Mann? Dass außerhalb Deutschlands noch ein Volk diese
Geschlechterzuteilung der beiden wichtigsten Gestirne vornimmt, war vielleicht
eine der erstaunlichsten Erkenntnisse für die Zuhörer des Geschichtenerzählers
und Musikers Martin Schmauder.
Eine andere war, wie rockig
ein Didgeridoo klingen kann. Innere Sammlung und Ruhe benötigten die rund
siebzig Zuhörer im Theater im Schlosskeller, als ihnen am vergangenen Mittwoch
der Musiker und Geschichtenerzähler Martin Schmauder die Schöpfungsgeschichte
der Welt aus der Sicht australischer Aborigines weitergab.
Mit einer Reihe
unterschiedlicher, Didgeridoo genannter Blasinstrumente, diverser Trommeln und
einer entsprechenden Raumbeleuchtung im Nürtinger Schlosskeller erzeugte
Schmauder eine Atmosphäre, die es dem Besucher nicht allzu schwer machte, sich
ein Bild von der Welt zu machen, die ein Steinzeitmensch vor Augen gehabt haben
musste, wenn die Alten, den Stamm ums winterliche Feuer geschart, die traditionellen
Mythen über die eigene Herkunft und den Zusammenhang der äußeren mit der
inneren Welt der frühen Menschen weitergaben.
Erstaunlich dabei, wie
selbst auf dem sogenannten fünften Kontinent noch Entsprechungen mit den
Schöpfungsmythen eurasischer Herkunft auszumachen waren, wie eine australische
Eva wo nicht auf eine Schlange, so doch auf eine vom Baum herab sich windende
sprechende Liane hereinfällt.
Die Aborigines, die nahezu
100 000 Jahre vor der Ankunft der ersten Europäer in Australien lebten, sprechen
in ihren Mythen vom Werden des Seins, von der „Traumzeit“, die in ihren Augen
nicht Vergangenheit, sondern „immer“ ist. Auch im dumpfen Dröhnen der
Didgeridoos scheint die Unendlichkeit der Gegenwart widerzuhallen.
Die rote Wolke des
Mondmannes und seiner Familie kommt aus der Tiefe des Raumes und setzt sanft
auf der Kuppe eines Hügels auf, um von dort aus die Erde zu erkunden. Von der
„schönen Frau“ ist die Rede, wenn die Sonne gemeint ist. „Deren Hitze ist so
gewaltig, dass sich kein Mann ihr zu nähern wagt“, stellt Martin Schmauder die
Sicht der alten Australier auf jene Energiequelle dar, die den Aborigines wohl
wesentlich deutlicher im Bewusstsein gewesen sein muss als den eiszeitlichen
Vorgermanen im alten Europa. Wenn die Schöne sich in Felle hüllt, gibt es, so
Schmauder, eine Sonnenfinsternis. Die Mondfinsternis wiederum ist eine Folge
von Rattenhaaren, die dem Mondmann ins Gesicht fallen.
Sie werde, bedankte sich
die Vorsitzende vom Haus der Familie, Gaby Langfeld, als der Erzähler geendet
hatte, bei diesem, die Eule, Schildkröte und das Siebengestirn am Himmel
künftig mit anderen Augen betrachten. Schließlich hatte Martin Schmauder von
deren Entstehen gesprochen, wonach das Sternbild sieben zaubrische Schwestern
verkörpere, die Eule so große Augen habe, weil sie noch immer versuche, einmal
einen Blick von der physischen Gestalt ihres unsichtbaren Freundes, des
Sturmes, zu erhaschen. Die Schildkröte dagegen, wusste Schmauder, sei
entstanden, als sich ein missgestalteter Jäger im Angesicht des Todes schwor,
sein Leben mit einem exklusiven Reibstein auf dem Rücken am Rande der Sümpfe zu
verbringen.
Martin Schmauder am
australischen Nationalinstrument – dem Didgeridoo. heb
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